Aus: Land&Forst 28/2026
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Körperschaft Sie verwalten Wege, Wald und gemeinschaftliches Vermögen – und tragen viel Verantwortung. Warum die Arbeit in den Vorständen der Realverbände immer anspruchsvoller wird und eine starke Interessenvertretung wichtig ist.
Ob Wege- und Leitungsrechte, Versammlungen oder Beitragsfragen: Realverbandsvorstände erfüllen vielfältige und zunehmend anspruchsvolle Aufgaben. Der Beratungsbedarf ist groß.
Realverbände gehören in vielen Dörfern zu den wichtigen Strukturen des ländlichen Raums: Sie unterhalten Wege, verwalten gemeinschaftliches Vermögen, kümmern sich um Wald, Gräben oder andere örtliche Aufgaben, erheben Beiträge und schließen Verträge. Für Hunderte ehrenamtlich Aktive in Niedersachsens Realverbandsvorständen ist das gelebte Praxis, aber auch rechtlich anspruchsvoll: Realverbände sind keine Vereine, sondern Körperschaften des öffentlichen Rechts. Ihre Vorstände handeln nicht nur „für die Nachbarn“, sondern in einem besonderen gesetzlichen Rahmen und unter Aufsicht.
Vielfältige Aufgaben
Neben rechtlichen Aspekten geht es auch um Finanzen und Geldanlage für Realverbände, Organisatorisches und Vorstandsarbeit, Mitgliederversammlung, Neugründung von Verbänden, Mitwirkung beim Trassenbau, Nachwuchsgewinnung, Umgang mit Aufsichtsbehörden, Versicherung, Satzung, Voraussetzungen für Wegesperrungen und viele Themen mehr. „Die Arbeit von Realverbänden ist vielfältiger geworden, aber auch deutlich anspruchsvoller“, sagt Konrad Westphale, Vorsitzender der Vereinigung niedersächsischer Realverbände und zugleich Vorsitzender des Realverbands Ottbergen bei Hildesheim.
Gerade wegen gestiegener rechtlicher Anforderungen und neuer Aufgaben wie Leitungsbau und erneuerbare Energien wachse der Bedarf an Beratung und gemeinsamer Interessenvertretung. Diese bündelt in Niedersachsen die Vereinigung niedersächsischer Realverbände e. V. mit Sitz in Hannover, der nach eigenen Angaben 456 Mitglieder angehören.
Sie ist Ansprechpartner für Realverbände, wenn aus örtlichen Einzelfragen grundsätzliche Themen werden. In der Geschäftsstelle landen viele Fragen, die vor Ort ganz praktisch beginnen: Welche Mehrheit braucht eine Mitgliederversammlung? Darf der Vorstand einen Gestattungsvertrag unterschreiben? Wie werden Beiträge erhoben? Was ist zu beachten, wenn Leitungen, Windkraft, Solarprojekte oder Glasfasertrassen die Feldmark berühren?
Nach der Satzung könne und dürfe die Vereinigung nur in direkten Angelegenheiten zum Realverbandsgesetz beraten, stellt Geschäftsführerin Sandra Glitza klar. Gleichwohl sei man gut vernetzt, um andere Fragestellungen etwa innerhalb des Landvolks auf Landes- oder Kreisverbandsebene oder auch extern klären zu lassen. „Solche Fragen nehmen zu. Landwirtschaftliche Maschinen werden größer, Holztransporte belasten Wege und Bankette, Freizeitverkehr und Durchgangsverkehr wachsen, zugleich drängen immer mehr Infrastrukturprojekte in die Fläche“, erklärt Juristin Glitza.
Damit stünden ehrenamtliche Vorstände oft professionellen Gegenübern gegenüber: Netzbetreibern, Projektierern, Bauunternehmen oder Planungsbüros. Diese bringen Vertragsmuster, Juristen und Verhandlungserfahrung mit. Ein Realverband, der nur alle paar Monate tagt, sollte solche Themen nicht allein und nicht unter Zeitdruck entscheiden, lautet Glitzas Empfehlung.
Hilfe bei Problemen
Der Dachverband bietet eine rechtliche Erstberatung im Bereich des Realverbandsgesetzes, Fortbildungen, Erfahrungsaustausch und Interessenvertretung an. Für Mitgliedsverbände ist besonders wichtig, dass sie nicht jedes Problem neu lösen müssen. „Ob es um Satzungen, Beitragsfragen, Wege, Leitungsrechte, Geldanlagen oder Versammlungen geht: Viele Themen ähneln sich von Ort zu Ort“, sagt Glitza. Aus einzelnen Problemen einer Gemarkung könnten so gemeinsame Anliegen gegenüber Politik, Verwaltung und Behörden werden. Im vergangenen Jahr habe der Verband beispielsweise beim Niedersächsischen Finanzministerium erreicht, dass im Zuge der Grundsteuerreform plötzlich grundsteuerpflichtig gewordene Realverbandswege wieder steuerfrei gestellt wurden.
Eine Rolle spielt auch die Verbindung zum Landvolk Niedersachsen. Ordentliche Mitglieder der Vereinigung sind zugleich Mitglied im örtlich zuständigen Kreisverband des Landvolks. Das kann praktisch sein, weil Kreisverbände die Verhältnisse vor Ort kennen und Realverbände häufig an Schnittstellen arbeiten: zwischen Eigentümern und Pächtern, Landwirtschaft und Kommune, öffentlicher Nutzung und gemeinschaftlichem Vermögen, altem Ortsrecht und modernen Infrastrukturansprüchen. Etliche Fragestellungen lassen sich deshalb bereits auf Kreisverbandsebene einordnen, weil dort neben der Vor-Ort-Kenntnis auch Erfahrungen aus wiederkehrenden Fällen vorhanden sind.
Vorstand absichern
Ein wichtiges Thema ist außerdem die Absicherung ehrenamtlicher Vorstände. Über den Dachverband wird ein Versicherungspaket mit Vermögensschaden-Haftpflicht und D&O-Baustein für Realverbände, ihre Organe und Mitarbeitenden angeboten. Wer Verträge abschließt, Gelder verwaltet oder Beiträge erhebt, kann Fehler machen. „Eine Versicherung im Ehrenamt ersetzt zwar keine ordentliche Verbandsführung, kann aber ein wichtiges Sicherheitsnetz sein“, sagt Glitza.
Gute Verbandsführung, gerade wenn man sich professionellen Partnern gegenübersieht, bedeute: vollständige Unterlagen, aktuelle Satzung, nachvollziehbare Beschlüsse, saubere Kassenführung und ein geordnetes Archiv. „In vielen Orten liegen Protokollbücher, Karten, Rezessunterlagen, alte Verträge oder Mitgliederlisten noch in privaten Ordnern früherer Vorstände. Solange alles ruhig läuft, fällt das kaum auf. Wenn aber ein Projektierer Leitungsrechte sichern will, Mitglieder Beiträge anzweifeln oder ein Vorstand wechselt, werden solche Lücken schnell zum Risiko“, weiß Glitza.
Dazu kommt die Nachwuchsfrage. Viele Realverbände werden von Menschen geführt, die seit Jahrzehnten Verantwortung übernehmen. Dieses Wissen ist wertvoll, aber nicht unbegrenzt verfügbar. Wer jüngere Eigentümer, aktive Landwirte, Frauen oder neu hinzugezogene Mitglieder für Vorstandsarbeit gewinnen will, muss zeigen, dass das Amt leistbar ist. Ein Verband ohne Unterlagen, Beratung und Absicherung schrecke eher ab.
Anspruchsvolle Themen
Die Bedeutung der Realverbände dürfte weiter wachsen. Energiewende, Glasfaserausbau, Wasserfragen, Starkregen, Erosion, Waldumbau und steigende Ansprüche an ländliche Wege erreichen immer mehr Gemarkungen. Glitza: „Aus oft unscheinbaren Körperschaften werden damit Verhandlungspartner in Fragen, die ganze Orte prägen können. Wer Wege besitzt oder unterhält, sitzt an einer Schlüsselstelle. Wer gemeinschaftliches Vermögen verwaltet, trägt Verantwortung über Generationen hinweg.“
Für Realverbände läute die entscheidende Frage daher nicht nur, was eine Mitgliedschaft im Dachverband koste, ergänzt Westphale. Wichtiger sei, was es kosten könne, schwierige Themen ohne fachliche Rückendeckung, ohne Austausch und ohne gemeinsame Stimme anzugehen. „Gemeinschaft macht Realverbände nicht nur stärker. Sie macht sie in einem komplexer werdenden Umfeld handlungsfähig“, erklärt Westphale.
Christian Mühlhausen
Die Vereinigung niedersächsischer Realverbände e. V. vertritt Realverbände in Niedersachsen. Sie unterstützt ihre Mitgliedsverbände durch rechtliche Erstberatung im Bereich des Realverbandsgesetzes, Fortbildungen, Erfahrungsaustausch und bietet Zugang zu einem Versicherungspaket mit Vermögensschaden-Haftpflicht und D&O-Schutz. Infos über www.realverbaende-nds.de und 0511-36704-42.
Wir berichten in lockerer Folge über weitere Facetten des Realverbandswesens.
„Ehrenamtliche Vorstände müssen den Rücken freihaben“
Beratung Welche Vorteile hat ein gemeinsamer Dachverband für Realverbände?
Wir sprachen mit Konrad Westphale, Vorsitzender der Vereinigung niedersächsischer Realverbände und zugleich Vorsitzender des Realverbands Ottbergen bei Hildesheim.
Warum brauchen niedersächsische Realverbände heute stärker als früher eine gemeinsame Interessenvertretung?
Die Arbeit in den Realverbänden hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich verändert. Damit sind auch die Anforderungen gegenüber Dritten gewachsen – etwa gegenüber Kommunen, Landkreisen, Naturschutzorganisationen, Leitungs- und Straßenbauunternehmen oder anderen Firmen. Viele Entscheidungen müssen heute rechtlich sauber vorbereitet und abgesichert werden. Das kann ehrenamtlich kaum noch allein geleistet werden. Deshalb braucht es eine gemeinsame Interessenvertretung, die im Realverbandsrecht beraten, Erfahrungen bündeln und verbandspolitisch wirken kann. Wie wichtig das ist, hat im vergangenen Jahr auch die Grundsteuerbefreiung der Realverbandswege gezeigt.
Wo sehen Sie derzeit die größten praktischen Risiken für ehrenamtliche Vorstände?
Es gibt nicht mehr viele Menschen, die bereit sind, sich diesen wachsenden Aufgaben zu stellen. Das hängt auch mit dem demografischen Wandel in den Dörfern zusammen. Umso wichtiger ist es, diejenigen zu unterstützen, die Verantwortung übernehmen. Ehrenamtliche Vorstände müssen den Rücken freihaben und dürfen nicht bei jeder schwierigen Entscheidung sofort das Gefühl haben, persönlich haftbar gemacht zu werden. Ein wichtiger Baustein ist die über uns angebotene Gruppenversicherung. Darüber hinaus bieten wir unseren Mitgliedern eine rechtliche und, wo nötig, auch fachliche Unterstützung.
Was möchten Sie mit dem Vorstand der Vereinigung niedersächsischer Realverbände in den kommenden Jahren erreichen?
Wir möchten für die Realverbände vor Ort eine verlässliche Interessenvertretung sein. Ein wichtiges Thema dabei ist der Generationswechsel. Viele Verbände stehen vor der Frage, wer künftig Verantwortung übernimmt und wie Wissen weitergegeben werden kann. Dabei wollen wir begleiten – unter anderem mit Weiterbildungsangeboten wie dem Realverbandsrechtsseminar im Rahmen unserer jährlichen Mitgliederversammlung.
Realverbänden, die bislang noch nicht organisiert sind, rate ich: Warten Sie nicht, bis ein Problem vor der Tür steht. Viele Fragen tauchen nämlich erst dann auf, wenn es schon um Wege, Leitungen, Satzungen, Haftung oder Auseinandersetzungen mit Dritten geht. Dann ist es gut, eine fachkundige Anlaufstelle zu haben.
Christian Mühlhausen